Selected authors share their theoretical discussion and examination about the exhibition’s concept and development. Furthermore, news from the exhibition rooms will be published here

Der Greif – Eine Ausstellung als Prozess [Teil 1]

April 7th, 2014Author:

Das Faszinierende an einer Ausstellung ist ihre Präsenz: Wer Bilder hängt, erzeugt damit Dominanz. Von der Kombination an der Wand geht eine Kraft des Faktischen aus, die der Besucher akzeptiert – und dann erst bewertet. Was ausgestellt wird, ist da – ist abgeschlossen und fertig. Nur: Wie lange? Und: für wen?

Ein Prozess stellt genau diese Fragen – allerdings in dem Präsenz-System einer Ausstellung. Das ist wichtig, denn was ausgestellt wird, ist da – und wird erst danach bewertet. Erst wenn man verstanden hat, was Ein Prozess macht, sollte man fragen, was das eigentlich soll. Denn nur dann wird man verstehen, dass Ein Prozess den Versuch unternimmt, eine der Grundbedingungen der Digitalisierung künstlerisch greif- und verstehbar zu machen.

Was in Augsburg gerade ausgestellt wird, ist eine Wikipedia für Fotografie. Und wer dabei an eine Enzyklopädie oder an eine lexikalische Sammlung denkt, liegt falsch. Bei der Wikipedia geht es wie bei Ein Prozess um den unterschätzten Aspekt der Digitalisierung: Es geht um die Version. Durch die historische Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie ist die Menschheit in der Lage, Versionen von digitalisierten Kunstwerken zu erstellen: Nach der Veröffentlichung als Mashup oder Remix und vor der Veröffentlichung als dokumentierter Entstehungsprozess. Im GuttenPlagWiki brachte Letzteres den damaligen Verteidigungsminister zu Fall: Man konnte nachvollziehen wie er gearbeitet hatte.

Das Prinzip der Online-Idee eines Lexikons dreht die Maßstäbe der Printwelt um: Es macht die Versionsgeschichte eines jeden Beitrags sichtbar ist. Man kann zu unterschiedlichen Fassungen eines Artikels springen und somit seine Entstehung nachvollziehen. Auf Papier wäre das nicht nur nicht möglich, es würde auch als Schwäche ausgelegt. Warum sollte man mehr zeigen als das eine endgültige Kunstwerk, das man veröffentlichen will?

Anmerkung: Dirk von Gehlen schreibt über die Ausstellung von Der Greif auch auf seinem Blog digitale-notizen.de
Teil 2 seines Textes folgt gegen Ende der Woche auf dem Ausstellungs-Blog.

Welcome, Annekathrin Kohout!

April 5th, 2014Author:

For the weekend, we will take some time off to reflect on the first week of A Process. A perfect occasion to read the first blog-post by Annekathrin Kohout, one of five authors sharing their theoretical thoughts about the exhibition. The text is in German, but will be translated and published in English as well. We will be back in the gallery on Tuesday.

Die Ordnung der Bilder

April 4th, 2014Author:

Bilder werden gesammelt, geordnet, in Ensembles zusammengestellt und präsentiert. Daran beteiligt sind allen voran die Hauptakteure des Kunstbetriebes: Kuratoren produzieren Sinn durch die Konstellation von bereits Bedeutung tragenden Objekten. Gerhard Richter stellt seine private Bildsammlung auf Tableaus zusammen und präsentiert diese als Kunst. Aby Warburg versuchte durch die Zusammenstellung von entsprechenden Motiven in einem Bildatlas, dem Mnemosyne-Atlas, das Nachleben der Antike vorzuführen, Bildkonstellationen als kunstwissenschaftliche Praxis anzuerkennen und eine Möglichkeit zu bieten, Sinn anders und neu zu generieren.

Diese sehr unterschiedlichen, oftmals experimentellen Verfahrensweisen mit Bildern werden heute vielerorts eher als kreative Praxis gedeutet, denn als wissenschaftliche Methode oder Medium einer Erinnerungskultur. Bedeutende Kunstausstellungen des zwanzigsten Jahrhunderts werden mitunter selbst als Kunstwerke verhandelt. Der Kurator sieht sich zunehmend als Künstler. Sammlungen werden nicht mehr nur als eine Kulturpraxis verstanden, sondern werden gleichermaßen selbst zu einer Kunstform erkoren.

Ferner lassen sie dadurch die drei Logiken der Wissensordnung hinter sich, die Foucault als zentrale Denkmuster herausgearbeitet hatte: Das Denken in Ähnlichkeiten, wie es in Kunst- und Wunderkammern nachvollzogen werden konnte. Der Blick der Differenzierung, dem er den enzyklopädischen Sammlungen der Aufklärung zusprach, die eine möglichst vollständige Erfassung von Quellen, Tieren und Pflanzen vorantreiben sollte. Und letztlich das Zeitalter des Geschichtsdenkens, das sich bis heute in historischen Museen niederschlägt. Foucault fragte sich bereits 1966, ob und – wenn dem so ist – in welchen neuen Ordnungsmustern wir denken.

Wie konstituiert sich Bedeutung, wenn die Ordnungen der Logik von künstlerischen Praxen Folge leisten? Wenn Ordnung als kreativer Prozess verstanden werden will. Wenn Ordnung womöglich reiner Willkür entspringen darf. Wenn die Ordnung selbst mit der Bedeutung gleichzusetzen ist? Werden dann neue Formen des magischen Denkens entstehen, wie es Foucault aus den Zusammenstellungen der Wunderkammern herausgelesen hatte? 

Viele Einzelbilder (im Plural)

Felix Thürlemann prägte für die kalkulierte (An)ordnung von Bildern den Begriff des hyperimage, der an den Diskurs des hypertext in der Literaturwissenschaft anschließen sollte. Dieser war eine Reaktion auf die im Internet entstandenen Verfahren des Verlinkens und Copy and Pastes. Das hyperimage macht Glauben, ein großes Bild aus vielen Einzelbildern zu sein, folgt dabei aber gleichzeitig der Logik des gaze, des Blickregimes, das Lacan vom view, dem Blick, unterscheidet. In seiner Statik verfehlt der Begriff jedoch die Dynamik der sich durch andere Kontexte immer wieder neu konstituierenden Bilder. Ein hyperimage ist am Ende eben doch ein image. Und das suggeriert eine Abgeschlossenheit, die nicht immer zutreffend ist. Und zugleich deutlich macht, dass es einer entsprechenden Kategorisierung bedarf. Die Vorsilbe hyper hingegen charakterisiert die Konstellationen recht präzise als Generierung von Bedeutung, die über ein bloßes Addieren hinausgeht.

Werden Einzelbilder auf Tableaus angeordnet, zeigt sich vor allem eines: Ähnlichkeit, unabhängig davon ob sie visueller Natur ist, bleibt immer unbegrenzt. Denn Ähnlichkeit, wie auch Differenz wird erst produziert, wenn sie auf eine andere Ähnlichkeit oder Differenz verweist. Sie existiert nicht in sich selbst, sondern letztlich nur in der Konfrontation. Zugleich sind die Anhäufungen von Bestätigungen, Enttäuschungen, Überraschungen und Konventionen – wie sie innerhalb der Tableaus zu entstehen vermögen – unendlich. Insofern liegen das Fundament der Bilder und die Verfahrensweisen mit Bildern auf sandigem Boden. Sich auf sandigen Boden zu begeben kann aber auch mutig sein und Weitblick bezeugen: So dekonstruiert die stete Neuanordnung von Tableaus den Mythos von der unmittelbaren Verständlichkeit der Bilder. Dieser (alte) Glaube, dass Bilder verständlicher seien als andere Medien, zugänglicher sind als ein Text beispielsweise, setzt nicht nur eine Ähnlichkeit von Bild und Objekt voraus, sondern gleichermaßen die Vorstellung, Bilder würden, wie spezifisch diese auch sind, immer das Gleiche bedeuten. In jeder Zeit und in jedem Raum.

Natürlich ist dieser Irrglaube längst schon als Irrglaube identifiziert worden. Und insofern finden die fotografischen Arbeiten keine Entwertung, sondern eine Aufwertung. Sie halten verschiedenen Kontexten stand und befreien sich auf diese Weise von der Determination des Autors, der es zulässt. Der sie in einen demokratischen Raum schickt, um sie darin wiederum einer Diktatur auszusetzen.

Nicht das Eigenleben der Bilder bewirkt ein magisches Denken. Sondern ihre Ordnung.

Immer noch im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit: Das Kunstwerk hat sich seiner Aura wieder ermächtigt. Nicht, indem es zu seinem Status des Originals, des Einzelbildes, zurückgekehrt ist, sondern gerade dadurch, dass es sich mit anderen Bildern konstellieren lässt.

Literatur:

  • Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge. Suhrkamp Verlag: Frankfurt a.M. 1974. Französische Erstauflage (Les mots et les choses) 1966.
  • Lacan, Jacques: Seminar XI: The Four Fundamental Concepts of Psychoanalysis. W.W. Norton and Co.: NY & London 1978.
  • Thürlemann, Felix: Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des hyperimage. Wilhelm Fink Verlag: München 2013.

In the gallery

April 2nd, 2014Author:

Yesterday, we fixed some technical problems, finally got the webcam to work. Today, we will start to work on the combinations, so stay tuned! We will keep you updated about everything, so check back regularly.

We hope you enjoy it, check the webcam and the combinations and feel free to share!

Welcome, Andreas Bülhoff!

March 31st, 2014Author:

Today, we want to welcome Andreas Bülhoff. After having worked together on issue 7, where he curated and edited the literature-part, we are very happy to have him again in our team for the exhibition. The whole process of selection will be accompanied by text and audio pieces of invited poets who will be asked to select and/or compose texts for the newly created picture combinations. The image- and text-combinations will be presented in a reading. Sound works will be presented on the website. This whole part is curated by Andreas. Within the next few days, we will introduce you to the poets that have been invited to take part in the exhibition.

»A Process«: Work in progress

March 29th, 2014Author:

Dear all, thanks so much to everybody who attended the opening yesterday evening, it was great! 300 people celebrated with us, we’re stunned. Unfortunately, the webcam quit its job, so if anyone of you took photos of the opening, we’re happy if you share them with us.

We will start working in the gallery on Tuesday, April 1st. We keep you posted! Have a nice weekend.

Capriccio: TV-broadcast about Der Greif & »A Process«

March 28th, 2014Author:

The German TV magazine Capriccio about culture and arts made this video about Der Greif. Thanks to the nice guys from Capriccio, to Andreas Krieger and last but not least to the contributing photographers, we really appreciate it and hope you like the video!

»A Process« begins

March 28th, 2014Author:

Finally!
DER GREIF is announcing its official opening of »A Process« and proudly presenting the works of 279 photographers from 33 countries.
We created this special exhibition-website in order to keep you updated in many different ways.
Check it out,
enjoy and stay tuned,

the editors of DER GREIF

Exhibition-Opening Friday, 28th March (7:30 pm)
On view from March 29th – May 18th 2014

Neue Galerie im Höhmannhaus, Maximilianstr. 48, Augsburg